"Fragen
Sie mich bitte nicht, wie es mir geht"
"Fragen Sie
mich bitte nicht, wie es mir geht." Diesen Satz sagte eine trauernde
Witwe vor kurzem am Telefon zu mir. Hinter ihren Worten habe ich folgendes
gehört:
Fragen Sie mich bitte nicht, wie es mir geht, denn was soll ich darauf
sagen - natürlich geht es mir sehr schlecht, wie sollte es auch anders
sein, und ich habe Angst, in Tränen auszubrechen, wenn ich Ihnen
ehrlich auf Ihre Frage antworten soll. Und außerdem kenne ich Sie
vielleicht gar nicht gut genug und mag jetzt nicht meine Seele so weit
öffnen. Es ist alles zu nah und zu schmerzlich. Und etwas Floskelhaftes
zu sagen, dazu fehlt mir gerade die Kraft. Also fragen Sie mich bitte
nicht.
Mit Trauernden zu
reden und die richtigen Worte zu finden, fällt vielen von uns schwer.
Auf einmal klingt
alles so doppeldeutig, sogar ein einfaches "Guten Tag". Denn
man weiß ja nur zu gut, dass der andere keinen guten Tag haben kann.
Was können wir zu unserer Nachbarin sagen, die gerade ihre Mutter
verloren hat? Wie dem Arbeitskollegen begegnen, der um seine Frau trauert?
Der Freundin, die eine Fehlgeburt hatte?
Was man nicht sagen
sollte
Erwarten Sie keine
einfache Antwort auf diese Fragen. Leichter ist es schon klarzustellen,
was Sie nicht sagen sollen. Sagen Sie nicht: "Es war Gottes Wille."
Sagen Sie nicht "Ihrer Mutter geht es jetzt besser, nun hat sie keine
Schmerzen mehr." Sagen Sie nicht "Das war doch kein Leben mehr."
Und sagen Sie vor allem nicht Sätze wie "Sie werden schon wieder
einen neuen Partner finden" oder "Sie haben ja Gott sei Dank
noch zwei Kinder." Alle diese Sätze mögen in Ihren Gedanken
ihre Berechtigung haben und zum Teil ja auch wahr sein. Doch sie leugnen
die Einzigartigkeit des großen Verlusts, den die trauernden Menschen
erfahren haben. Und Trauer fragt nicht rational danach, ob es besser für
jemanden war, sterben zu dürfen. Sondern sie erfährt mit jeder
Zelle des Körpers - diesen Menschen gibt es nun nicht mehr, ich kann
nie wieder mit ihm sprechen, nie wieder seine Hand in meiner halten. Seine
Stimme fehlt mir, sein Geruch, seine Umarmung. Das Loch, das sich auftut,
die Leere, ist unendlich groß. Und solche vermeintlich tröstenden
Sätze reden die Trauer irgendwie klein, als würden sie den trauernden
Menschen das Recht auf ihren großen Schmerz absprechen.
Was kann man also
mit Trauernden reden?
Bei Freunden ist
es leicht. Nehmen Sie den trauernden Freund, die trauernde Freundin einfach
in den Arm. Und hängen Sie sich zuhause einen Erinnerungszettel irgendwohin,
wo Sie ihn auf eine lange Zeit sehen. Dieser Zettel soll sie immer wieder
daran erinnern, anzurufen. Denn Sie können nicht erwarten, dass der
trauernde Mensch es schafft, von sich aus um Hilfe zu bitten. Schlagen
Sie kleine gemeinsame Aktivitäten vor, aber akzeptieren Sie auch,
wenn eine Ablehnung kommt. Bringen Sie etwas zum Essen vorbei. Bringen
Sie die Kinder in die Schule, bügeln Sie die Wäsche. Seien Sie
einfach da. Nicht nur in den ersten Wochen. Ihre Hilfe wird, je nach der
Größe des Verlusts, auf eine lange Zeit gebraucht. Achten Sie
deshalb auch auf Ihre eigenen Kräfte, wie viel können und wollen
Sie geben.
Und bei Menschen,
die Ihnen nicht so nahe stehen?
Drücken Sie
Ihre Anteilnahme aus - etwa so: "Ich habe gehört, dass Ihr Vater
gestorben ist. Das tut mir sehr leid." Der andere wird, wenn er etwas
erzählen will, dann von sich aus etwas sagen. Oder er sagt einfach
nur danke. Sie könnten auch fragen - "Hatten Sie viel mit Ihrer
Oma gemeinsam?" oder "Ich weiß zwar im Moment nicht was
ich sagen soll, aber ich habe viel an Sie gedacht in letzter Zeit. Darf
ich Sie demnächst mal zum Essen einladen?"
Denken Sie daran, in Zukunft immer mal wieder in größeren Abständen
nach Ihrem Nachbarn, Ihrem Kollegen zu schauen. Für Sie geht das
Leben weiter wie bisher, doch für den anderen hat sich für immer
etwas verändert. "Hallo, ich hab grad gedacht, ich komme für
einen Augenblick zu Ihnen. Ich weiß, dass heute der erste Muttertag
ist ohne Ihre Mutter und Sie sind wahrscheinlich sehr traurig."
Unsere eigenen Gefühle
Jeder Todesfall konfrontiert
uns mit unserer eigenen Sterblichkeit und unseren eigenen Verlustängsten.
Da kommt schnell mal ein Satz über die Lippen, mit dem wir eigentlich
unsere eigene Verletzlichkeit von uns weg halten wollen. Eigentlich wollen
wir uns selbst trösten mit dem, was wir sagen. Aber dem anderen ist
das Schlimme ja schon zugestoßen. Er muss damit irgendwie umgehen.
Halten Sie also im Zweifel vor dem Sprechen lange genug inne, um wahrzunehmen,
was jetzt gerade in Ihnen vorgeht. Aber haben Sie auch nicht zuviel Angst,
etwas Falsches zu sagen. Am schlimmsten ist die Isolation für Trauernde.
Wenn auf einmal niemand mehr vom verstorbenen Menschen spricht. Wenn man
die Straßenseite wechselt, weil da drüben die Mutter kommt,
die vor kurzem ihrem Sohn bei einem Autounfall verloren hat, und man nicht
weiß, was man zu ihr sagen soll.
Eine Freundin hat
mir einmal gesagt, durch mich habe sie gelernt, nicht mehr davonzulaufen
vor dem Leid anderer Menschen. Das hat mich sehr gefreut.
Mit trauernden Menschen umzugehen, dafür braucht es Güte und
Mut, und vor allem ein offenes Herz.
Und jeder von uns kann es, wenn wir uns aufrichtig bemühen.
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