AUS DEM HERZEN GESPROCHEN

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Hier veröffentliche ich in unregelmäßigen Abständen Erlebnisse und Gedanken aus meinem Arbeitsalltag.

Friedhofswege – Teil I: Schönheit
13.9.2017

Der Weg von der Feierhalle zum Grab kann manchmal ganz schön lang sein. Auf dem Nürnberger Südfriedhof, dem größten Friedhof der Stadt, geht man von der Aussegnungshalle bis zu der Stelle, wo die Baumbestattungen stattfinden, gut 20 Minuten. Meistens genieße ich den Weg zum Grab.

Ich kann Tiere beobachten, Vögel, Eichhörnchen, manchmal sogar Hasen oder Kaninchen, es fallen mir ungewöhnliche Namen auf den Grabsteinen ins Auge oder besonders schön und liebevoll gepflegte Gräber.

Im Frühjahr halten sich die Augen an den emporsprießenden Frühlingsblühern fest, Winterlinge und Krokusse spitzen aus der Erde und bringen die Hoffnung auf schöne warme Tage.
Im Sommer muss ich manchmal in der schwarzen Trauerkleidung ganz schön leiden, hoffe, dass die Grabstätte nicht in der vollen Sonne liegt und habe dafür lange nach einem beerdigungstauglichen Hut gesucht.
Besonders schön sind die Wege an den goldenen Herbsttagen, wo es so riecht, wie es eben nur im Herbst riecht. Nach welken Blättern, nach Erde und Wind, und wo jeder Sonnenstrahl wie eine Liebkosung die Haut streichelt.
Im Winter friere ich mir dafür manchmal die Beine in den Bauch und würde gerne schneller gehen, aber so ein Trauerzug hat eben seine eigene Geschwindigkeit und die richtet sich nach dem langsamsten Mitglied des Trauerzuges.

Diese Wege sind Teil meiner Arbeit – und ich versuche, sie bewusst mit aller Aufmerksamkeit zu gehen.


AUCH DAS IST LEBEN
7.1.2017

So viele Lebensgeschichten höre ich in meinem Beruf, so viele Schicksale berühren sich kurz mit meinem. Und immer wieder, trotz aller Routine nach mehr als einem Jahrzehnt als Trauerrednerin, gibt es diese Augenblicke, die mir das Herz zerreißen.

Eltern zu begleiten, die ihr überfahrenes Kind zu Grabe tragen, mit der einen Hand den Sarg (mit)tragen und mit der anderen eines ihrer drei anderen Kinder an der Hand oder auf dem Arm haben - das ist kaum auszuhalten - und es ist doch Leben.


EINER MUSS ES JA MACHEN
9.11.2016

Manche Geschichten, die man als Trauerrednerin hört, sind einfach so schön, dass es schade ist, sie nicht zu teilen. So wie neulich über eine alte Dame, die sich trotz ihrer schweren Krankheit, einer Arthritis, unter der sie Jahrzehnte gelitten hat, ihre überschwängliche Vitalität bewahrt hat. Sie sei, so versicherte sie immer wieder, eine "eingebildete Gesunde."

Und hier die Geschichte, die mir unvergesslich ist:
Als sie die von der Krankheit versteiften Zehen operiert und gestreckt bekam, steckte in jeder ihrer Zehen ein langer Draht und vorne drauf ein Korken, damit sie sich selbst und andere nicht damit verletzt. Als die Angehörigen sie besuchen kamen, erwarteten sie, die alte Dame im Bett zu finden. Als sie die Tür zum Krankenzimmer aufmachten, stand sie barfuß auf einer Leiter und putzte die Fenster des Krankenhauses, die es wohl nötig hatten, und quittierte die erstaunten Gesichter mit dem Spruch - "einer muss es ja machen."

FREUDE UND TRAUER
25.10.2014

Immer wieder kommt es vor, dass ich im Trauergespräch höre, wie seltsam das doch ist – einer geht, einer kommt. Große Freude über die Geburt eines neuen Familienmitglieds, und nun kurz darauf Zeit zum Abschiednehmen von einem der Alten, von Opa oder Oma.
In einer solchen Lebenssituation wird deutlich, wie nahe sich in unserem Leben oft Freude und Trauer sind, wie beides gleichzeitig Platz hat in unserem Herzen, ja wie Trauer und Freude vielleicht gar keine Gegensätze sind, sondern beides Ausdrucksformen von – Liebe.

STARK SEIN?
23.9.2014

"Er hätte gewollt, dass wir jetzt stark sind", so haben Sie gesagt. Aber was bedeutet stark sein nach einem solchen Verlust? Bedeutet es, dass wir uns zusammenreißen sollen, nicht weinen dürfen, uns sagen, dass das Leben weitergeht, auch wenn wir noch gar nicht wissen wie?

Ich glaube, es gibt verschiedene Arten von Starksein. Wenn Sie an eine alte Eiche denken, die wirft so schnell nichts um. Der Sturm umtost sie, aber sie hält aus. Doch wenn sie einmal umgefallen ist, dann ist es vorbei. Ganz anders der Bambus. Er biegt sich vor jedem Windhauch und steht aber auch wieder auf – biegsam und stark. Beides ist Stärke. Und manchmal ist es vielleicht notwendig, sich zu beugen wie der Bambus vor dem Sturm des Lebens, der einem direkt ins Gesicht weht.
Dazu gehört sich Gefühle einzugestehen, Trauer zuzulassen, Wut und Verzweiflung, Sehnsucht und Einsamkeit. Darüber zu reden. Solange bis sich etwas wandelt in uns, unmerklich zuerst, bis die Trauer beginnt, erträglich zu werden. Das kann auch Mut und Stärke sein.
Diese Stärke wünsche ich Ihnen. (Auszug aus einer Trauerrede)

BUNTE TRAUERFEIER IM GRAUEN HERBST
4.11.2013

Liebe Angehörige und Freunde, wir feiern heute den Abschied von Ihrer lieben Mutter, Schwiegermutter und Oma, von Ihrer Schwägerin, Verwandten und Freundin. Sie war eine unkonventionelle, eigensinnige, liebevolle und wunderbare Frau, die Sie alle furchtbar vermissen werden, auch wenn sie manchmal eine grauenvolle Nervensäge sein konnte.

Sie hat – trotz mancher schwerer Zeiten – ein erfülltes, buntes Leben geführt und so haben Sie sich gesagt, dass auch der Abschied von ihr lebendig und bunt sein soll, eben anders als man es sonst so kennt, nicht so schwarz, traurig und getragen, sondern mit einem roten Sarg – rot, die Farbe der Liebe und des Lebens –, mit Musik, die ihr vermutlich gefallen hätte, mit Geschichten, die aus ihrem Leben erzählt werden, mit Gedanken an vergangene Zeiten, die zum Teil verdammt lang her sind.

Tieftraurige Mienen konnte sie noch nie leiden, so haben Sie gesagt, und so wollen wir heute unser Bestes tun, um den Abschied von ihr so lebensnah und bunt zu gestalten, wie uns das möglich ist.
November ist die Zeit, in der die Natur Abschied nimmt, bevor der Schnee und der Frost alles im Griff haben. Und auch die Blätter sind so leuchtend gelb und rot, wie sonst nie, gerade jetzt, wo sie fallen.
(Auszug aus einer Trauerrede)

FOTOS AUF DEM SARG
22.10.2012

Die Idee der Angehörigen - den Sarg rundherum mit Fotos bekleben. Und auch nicht die normale Sitzordnung in der Friedhofshalle wollten sie, sondern den Sarg in die Mitte nehmen.
Was dann beim Abschiednehmen am Ende der Trauerfeier geschah, war außergewöhnlich. Die Leute traten nicht, wie es sonst üblich ist, vor den Sarg, sondern sie umrundeten langsam den Sarg einmal, um sich alle Fotos genau anzusehen.

Das schien mir wie ein altes, wunderbares Ritual - der verstorbene Mensch im Mittelpunkt, die Bilder des gelebten Lebens wie kleine Augenblicke von Glück, die sich schützend und tröstend auf die Trauer legen. Und das Umrunden wie ein Abschiedskreis, ein heiliger Weg, der um den Sarg herum führt und dann hinaus aus der Halle in das Leben, das weiter geht, auch wenn die Angehörigen oft noch nicht wissen, wie.

WER GOTT IN DER NATUR SUCHT
3. Oktober 2010

Vor vielen Jahren las ich einmal auf einem Auto den Spruch "Wer Gott in der Natur sucht, der soll sich auch vom Oberförster beerdigen lassen". Damals hat mich dieser Spruch maßlos aufgeregt, das war lange Zeit, bevor ich selbst Trauerrednerin wurde. Ich fand ihn anmaßend und böse, ein Schlag ins Gesicht der Menschen, denen das Herz aufgeht, wenn sie einen Wald betreten, die in der Schönheit einer Kirschblüte, dem Erschauern vor den roten Spuren, die der Herbst über das Land zieht, der Stille und Ehrfurcht vor einem neu geborenen Tierkind etwas spüren vom Geheimnis der Schöpfung.

Heute denke ich mit einem Schmunzeln an diesen Spruch. Denn letzte Woche habe ich meine erste Trauerfeier in einem Friedwald gehalten. Und es war tatsächlich eine Oberförsterin, die im neuen Friedwald in Ebermannstadt die Urnenbeisetzung begleitet hat. Das Urnengrab nahe einer Buche war mit Zweigen und Herbstlaub wunderschön geschmückt. Die Urne stand auf einer Baumscheibe. So konnte ich als Rednerin einen Bogen schlagen zwischen den Jahresringen des Baumes und den Lebensjahren des verstorbenen Menschen.
Es gab keine Musik, nur das leise Tropfen des Regens auf den Blättern, ein paar ferne Vogelstimmen und um uns die fallenden Blätter des Herbstlaubs, die uns hineinnahmen in unser Empfinden von Werden und Vergehen.
Was könnte schöner und passender sein als letzte Ruhestätte für einen Menschen, der ein begeisterter Wanderer war, der jeden Baum und jeden Vogel beim Namen kannte.

Und wenn dann am Ende der Trauerfeier die Oberförsterin mit liebevollen vorsichtigen Handgriffen das Grab schließt, dann mag so mancher denken, dass hier eine Alternative zur friedhöflichen Bestattungskultur entstanden ist, die durchaus Wertschätzung und Beachtung verdient und für den einen oder die andere genau das Richtige sein kann.

GEDENKSTÄTTE FÜR STERNENKINDER IN MÜNCHEN
10. März 2010

Auf dem Westfriedhof München wurde im November 2009 eine Gedenkstätte für totgeborene Kinder eingeweiht.
Da eine Münchner Bürgerin der Stadt eine stattliche Erbschaft hinterlassen hatte, mit der Auflage, ihr Grab zu pflegen und den Westfriedhof, in dessen Nähe sie gewohnt hatte, zu verschönern, war das Geld vorhanden.
So entstand die Gedenkstätte für trauernde Eltern, die der Künstler Florian Lechner mit viel Liebe und Nachdenklichkeit gestaltet hat.
"Ein Ort des Lichts", so ist der entsprechende Artikel überschrieben, der in der Süddeutschen Zeitung vom 21. November 2009 erschienen ist.
So gut ich eine solche Initiative finde, so sehr schmerzt mich, dass hier aus meiner Sicht etwas ganz Wichtiges vergessen wurde - die Bedürfnisse der trauernden Eltern.
In München wurde ein meditativer Ort geschaffen, aber es ist dadurch kein Ort entstanden, an den Menschen, die ihr Kind verloren haben, ihre Trauer tragen können.
Warum ich das glaube? Weil die Kinder, wieder einmal und wie an vielen Stellen unserer Gesellschaft, namenlos bleiben. Es wäre doch ein kleines gewesen, an diesem Ort eine Möglichkeit zu schaffen, wo Eltern z.B. einen kleinen bemalten Stein mit dem Namen ihres Kindes niederlegen können. Wann wird unsere Gesellschaft lernen, wie wichtig Namen sind? Wann schaffen wir auch für Schmetterlingskinder und Regenbogenkinder Orte der Erinnerung, die auch die Namen bewahren? Dafür sind Friedhöfe doch da!

So wurde in München verpasst, wirklich einen Platz der Erinnerung, der Trauer und der Hoffnung zu schaffen. Ich möchte Städte und Kommunen, die etwas ähnliches planen, dazu einladen, mit betroffenen Eltern das Gespräch zu suchen und diese zu fragen, was sie brauchen. Ein vorbildliches Beispiel ist hier aus meiner Sicht das von der Stiftung Roos im Allwetterzoo Münster geschaffene "Denkmal für das unbekannte Kind", das nicht auf einem Friedhof steht, sondern mitten in einer Umgebung, die Kindern gefällt und Freude macht.
Es besteht aus einem großen Findling und vielen kleinen Namenssteinen für Kinder, die im Herzen weiterleben. Jeder Besucher, jede Besucherin des Zoos, Erwachsene und Kinder, sind herzlich eingeladen, einen Stein an diesem Denkmal abzulegen. So werden die "unbekannten" Kinder aus ihrer Anonymität geholt, bekommen einen Ort, einen Namen und eine Würde, die ihnen im Leben vielleicht versagt wurden.

DANK AN DIE SARGTRÄGER
18. Februar 2010

Liebe Sargträger, manchmal, wenn wir zusammen einen verstorbenen Menschen zum Grab geleiten, möchte ich Euch fragen -
Wisst Ihr eigentlich, was für einen wichtigen Beruf Ihr habt? Empfindet Ihr die Verantwortung, empfindet Ihr die Heiligkeit dieses Moments? Ein Mensch wird zu Grabe getragen. Ich verwende den Begriff getragen, obwohl natürlich in den meisten Fällen ein großer Teil des Weges mit dem Sargwagen gefahren wird. Aber ein Stück tragen ist auch immer dabei. Und dann der Moment, wo Ihr den Sarg vorsichtig in die Erde hinunterlasst. Zum Schluss verneigt Ihr Euch, bevor Ihr wieder geht. Warum eigentlich? Aus Konvention? Aus Respekt?
Ich weiß, Euer Beruf ist gesellschaftlich überhaupt nicht anerkannt. Niemand wird wohl Sargträger aus Berufung. Wie reagieren die Menschen, wenn Ihr von Eurem Beruf erzählt? Mit Schrecken, mit Abwehr, mit Neugier?
Im Unterschied zu mir kennt Ihr nicht die Geschichte des Menschen, den Ihr zu Grabe tragt. Kennt nicht die Angehörigen und Ihre Trauer. Vielleicht wisst Ihr den Namen und das Alter. Vielleicht nicht einmal das. Vor Euch sind alle Menschen gleich.

Ich sage Euch meinen Dank und meinen Respekt. Tragt Menschen liebevoll und behutsam zu ihrer letzten Ruhestätte.

KÄLTE
10. Januar 2010

So oft komme ich vollkommen durchgefroren von einer Trauerfeier nach Hause und freue mich auf eine heiße Dusche. Warum ist es in den meisten Friedhofshallen eigentlich immer so kalt? Es reicht doch, wenn es in den Kühlzellen kalt ist. Dabei frieren trauernde Menschen sowieso mehr als andere.
Ja, ja, ich weiß schon, diese Hallen sind oft so groß, die lassen sich schwer heizen. Es liegt wohl am ehrwürdigen Alter vieler Hallen. Viele sind sehr schön, mit Marmorengeln und Säulen, manchmal stehen sie auch unter Denkmalschutz. Doch sie sind so falsch für die Bedürfnisse der Lebenden.

Lasst uns die Marmorhallen abreißen und warme, helle Räume schaffen, in denen Menschen Abschied nehmen können. Und solange das noch nicht geschehen ist - denken Sie daran, sich warm anzuziehen, wenn Sie zu einer Trauerfeier gehen. Und wenn Sie nach der Beerdigung eines Angehörigen noch zusammen etwas essen wollen, bestellen Sie am besten einen großen Topf heißer Suppe für alle.

 

 

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© 2006 by Bettina Sorge, Kutzerstr. 72, 90765 Fürth, letzte Aktualisierung am 3.5.2017